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In Leben, Literatur on 20. Juni 2009 at 12:46

Wenn einer glaubt, das, was er selbst

erlebt hat, vergessen zu können, liegt

er falsch. Denn er ist Teil seiner Ge-

schichte. Das wäre fast so, als würde er

ein Buch in der Mitte zu lesen begin-

nen und glauben, er könne den

Schluss trotzdem verstehen. Er müsste

sich schon selbst vergessen, um nicht

mehr Teil seiner Geschichte zu sein.

Wichtig ist einzig und allein, dass sie

fertig wird. Welchen Sinn hätte es für

sie sonst gehabt, erzählt zu werden?

Zu Kafkas Gibs auf!

In Leben, Literatur on 23. März 2009 at 20:07

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Die Schwierigkeit, selbst den Weg zu finden, und die Unmöglichkeit, ihn sich einfach von einem anderen weisen zu lassen;

Der Ich-Erzähler ist sich anfangs sicher, an sein Ziel zu gelangen; auch nimmt er die Welt um sich herum als einen geradezu idyllischen Ort wahr. Erschüttert wird seine Selbstsicherheit erst, als er seine – private – Uhr mit einer – öffentlichen – Turmuhr vergleicht und feststellt, dass seine Zeit nicht mit der der anderen übereinstimmt.

Es ist ein psychischer Zustand: nicht von Angst, von Schrecken ist die Rede, der ihn „im Weg unsicher werden“ lässt und ihn – vergeblich – dazu treibt, den Rat eines anderen zu suchen.

Wer nicht darauf verzichtet, bei seiner Suche nach dem Lebensweg sofort die Hilfe Fremder in Anspruch zu nehmen, muss die Hoffnung aufgeben, diesen Weg jemals zu entdecken.

(Franz Kafka. Romane u. Erzählungen. Reclam, M. Müller (Hg.))

Hannah Arendt

In Leben, Literatur on 14. März 2009 at 22:05

Vernichtung von Welt innerhalb der Welt

Wie erinnern wir und wie schreiben wir Geschichte unter dieser Bedingung? Arendt versucht einen Weg des Denkens, indem sie zu Augustins Entdeckung des Anfangens zurückkehrt. Sie verknüpft diesen Gedanken mit der modernen Erfahrung des Traditionsbruchs, der paradoxen Gewissheit des Scheiterns, die sie mit Benjamin und Kafka teilt.
Als handelnde Individuen haben wir keine andere Wahl, als einen neuen Anfang zu versuchen. Wir tun dies außerhalb eines sicheren Rahmens. Für die Gangart dieses Tuns findet Arendt in einem Satz Benjamins über Kafka einen Zeugen: „War er des endlichen Misslingens erst einmal sicher, so gelang ihm unterwegs alles wie ein Traum.“

Geschichtliches Verstehen und Scheitern des Verstehens, Aussöhnung mit der Wirklichkeit und Unmöglichkeit der Aussöhnung. Wenn Geschichtsschreibung sich in diesen Paradoxien bewegen muss, dann bedarf es eines Vermögens, das fähig ist, nicht nur ohne Geländer zu denken, sondern das seine Möglichkeiten erst in außergewöhnlichen und undefinierbaren Regionen zu entfalten vermag.

Aus: Nordmann, Ingeborg: Hannah Arendt. Reihe Campus Einführungen, Bd. 1081. Frankfurt am Main/New York, 1994. S. 58-60.