Archiv für die Kategorie ‘Literatur’

Mühsam

In Öffentlichkeit, Leben, Literatur, Politik am 24. Juli 2011 um 12:13

Erich Mühsam in sein Tagebuch am 22.08.1910:

Johannes gab mir 3 Bände der Tagebücher Varnhagens von Ense mit, die ich gierig lese. Damals lohnte es noch Tagebücher zu schreiben! Trotz der Armseligkeit der vormärzlichen Politiker – welche bewegte Zeit! Welche Beziehung zwischen Geistigkeit und Öffentlichkeit! Welche Teilnahme der großen Geister (Varnhagen, Humboldt, Tieck, Bettina v. Arnim usw.) an den Geschehnissen des Tages! – Und heute? Unsre Zeit ist bei Gott nicht minder armselig, unsre Regierungen nicht minder jämmerlich, unsre Politik nicht minder chikanös, knechtschaffen und vormärzlich. Nur eins unterscheidet unsre Tage von Varnhagens: heut ist auch das Volk interesselos, und die Geistigkeit nimmt schon garnicht teil an allem was vorgeht! – Ich werde in dies Tagebuch nicht viel Zeitprophetisches zu vermerken haben.

Klavierdeckel

In Alltag, Diskurs, Leben, Literatur am 24. Juli 2011 um 12:11

Ich bin von der außergewöhnlichen Erfindungsgabe der Menschen begeistert, die sich manchmal gerade noch rechtzeitig für die Menschheit einstet. Wenn Sie sich auf einem sinkenden Schiff befinden, das alle Rettungsboote schon verlassen haben, dann ist ein vorbeitreibender Klavierdeckel, mit dem Sie sich über Wasser halten können, ein willkommener Lebensretter. Das heißt aber nicht, dass die Formgebung von Klavierdeckeln das beste Design für Rettungsringe wäre. Ich denke, dass wir an einer ganzen Reihe von Klavierdeckeln festhalten, wenn wir so viele zufällige Einrichtungen von gestern übernehmen und meinen, sie seien die einzigen Mittel, um gegebene Probleme zu lösen. […] Weil unsere spontane Initiative von frühester Kindheit an frustriert worden ist […], bringen wir es im allgemeinen nicht fertig, unserem Potential entsprechend zu denken. Es fällt uns leichter, in dieser Gesellschaft an unseren kurzsichtigen Vorstellungen und engen Spezialisierungen festzuhalten und es den anderen – in erster Linie den Politikern – zu überlassen, einen Weg aus den gemeinschaftlichen Dilemmas zu finden.

Richard Buckminster Fuller: Komprehensive Neigungen. In: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften. S. 10 f.

In Leben, Literatur am 20. Juni 2009 um 12:46

Wenn einer glaubt, das, was er selbst

erlebt hat, vergessen zu können, liegt

er falsch. Denn er ist Teil seiner Ge-

schichte. Das wäre fast so, als würde er

ein Buch in der Mitte zu lesen begin-

nen und glauben, er könne den

Schluss trotzdem verstehen. Er müsste

sich schon selbst vergessen, um nicht

mehr Teil seiner Geschichte zu sein.

Wichtig ist einzig und allein, dass sie

fertig wird. Welchen Sinn hätte es für

sie sonst gehabt, erzählt zu werden?

Zu Kafkas Gibs auf!

In Leben, Literatur am 23. März 2009 um 20:07

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Die Schwierigkeit, selbst den Weg zu finden, und die Unmöglichkeit, ihn sich einfach von einem anderen weisen zu lassen;

Er ist sich anfangs sicher, an sein Ziel zu gelangen; auch nimmt er die Welt um sich herum als einen geradezu idyllischen Ort wahr. Erschüttert wird seine Selbstsicherheit erst, als er seine private Uhr mit einer öffentlichen Turmuhr vergleicht und feststellt, dass seine Zeit nicht mit der der anderen übereinstimmt.

Es ist ein psychischer Zustand: nicht von Angst oder Schrecken ist die Rede, der ihn “im Weg unsicher werden” lässt und ihn – vergeblich – dazu treibt, den Rat eines anderen zu suchen.   Wer nicht darauf verzichtet, bei seiner Suche nach dem Lebensweg sofort die Hilfe Fremder in Anspruch zu nehmen, muss die Hoffnung aufgeben, diesen Weg jemals zu entdecken.


Hannah Arendt

In Leben, Literatur am 14. März 2009 um 22:05

Vernichtung von Welt innerhalb der Welt

Wie erinnern wir und wie schreiben wir Geschichte unter dieser Bedingung? Arendt versucht einen Weg des Denkens, indem sie zu Augustins Entdeckung des Anfangens zurückkehrt. Sie verknüpft diesen Gedanken mit der modernen Erfahrung des Traditionsbruchs, der paradoxen Gewissheit des Scheiterns, die sie mit Benjamin und Kafka teilt.
Als handelnde Individuen haben wir keine andere Wahl, als einen neuen Anfang zu versuchen. Wir tun dies außerhalb eines sicheren Rahmens. Für die Gangart dieses Tuns findet Arendt in einem Satz Benjamins über Kafka einen Zeugen: „War er des endlichen Misslingens erst einmal sicher, so gelang ihm unterwegs alles wie ein Traum.“

Geschichtliches Verstehen und Scheitern des Verstehens, Aussöhnung mit der Wirklichkeit und Unmöglichkeit der Aussöhnung. Wenn Geschichtsschreibung sich in diesen Paradoxien bewegen muss, dann bedarf es eines Vermögens, das fähig ist, nicht nur ohne Geländer zu denken, sondern das seine Möglichkeiten erst in außergewöhnlichen und undefinierbaren Regionen zu entfalten vermag.

Aus: Nordmann, Ingeborg: Hannah Arendt. Reihe Campus Einführungen, Bd. 1081. Frankfurt am Main/New York, 1994. S. 58-60.

Neujahr

In Alltag, Leben, Literatur am 17. Januar 2009 um 11:36

Das neue Jahr ist schon da, nur man selbst noch nicht ganz. Wie Jetlag so ähnlich, und es geht einem auch nicht wirklich schlecht, nur die Leute im Fernseher sollten vielleicht etwas leiser sein.

Tadeusz Dąbrowski

In Literatur am 4. Januar 2009 um 01:15

Pomiędzy odpływem myśli a przypływem
snu mam minutę wieczności na zbieranie
metafor.

Lecz zanim zdążę schylić się po pierwszą
z nich, zalewa mnie fala i odmęt pochłania. Jakiś

czas później budzę się, bo słońce
wsadza mi palce do oczu. Niewiele pamiętam.

W prawej kieszeni mam kamyk, w lewej meduzę,
w ustach – piach.

***

Zwischen der Ebbe der Gedanken und der Flut
des Schlafs habe ich eine Minute Ewigkeit, um Metaphern
zu sammeln.

Doch bevor ich mich nach der ersten bücken kann,
erfasst mich eine Welle und ein Strudel verschlingt mich. Etwas

später wache ich auf, weil mir die Sonne
ihre Finger in die Augen sticht. Ich erinnere mich kaum.

In der rechten Hosentasche hab ich einen Kiesel, in der linken eine Qualle,
im Mund – Sand.

Eugen Onegin

In Literatur am 12. Dezember 2008 um 23:07

Wer lebt und denken kann, der findet

die Menschen keiner Achtung wert;

er fühlt, wie uns die Zeit entschwindet

und das Erträumte nicht gewährt.

Den einen kann nichts mehr berauschen,

der andre will sein Los vertauschen,

der dritte weiß nicht, was ihn quält.

Und jeder macht sich, was ihm fehlt,

zum Lieblingsthema von Gesprächen.

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