Mühsam

Erich Mühsam in sein Tagebuch am 22.08.1910:

Johannes gab mir 3 Bände der Tagebücher Varnhagens von Ense mit, die ich gierig lese. Damals lohnte es noch Tagebücher zu schreiben! Trotz der Armseligkeit der vormärzlichen Politiker – welche bewegte Zeit! Welche Beziehung zwischen Geistigkeit und Öffentlichkeit! Welche Teilnahme der großen Geister (Varnhagen, Humboldt, Tieck, Bettina v. Arnim usw.) an den Geschehnissen des Tages! – Und heute? Unsre Zeit ist bei Gott nicht minder armselig, unsre Regierungen nicht minder jämmerlich, unsre Politik nicht minder chikanös, knechtschaffen und vormärzlich. Nur eins unterscheidet unsre Tage von Varnhagens: heut ist auch das Volk interesselos, und die Geistigkeit nimmt schon garnicht teil an allem was vorgeht! – Ich werde in dies Tagebuch nicht viel Zeitprophetisches zu vermerken haben.

Klavierdeckel

Ich bin von der außergewöhnlichen Erfindungsgabe der Menschen begeistert, die sich manchmal gerade noch rechtzeitig für die Menschheit einstellt. Wenn Sie sich auf einem sinkenden Schiff befinden, das alle Rettungsboote schon verlassen haben, dann ist ein vorbeitreibender Klavierdeckel, mit dem Sie sich über Wasser halten können, ein willkommener Lebensretter. Das heißt aber nicht, dass die Formgebung von Klavierdeckeln das beste Design für Rettungsringe wäre. Ich denke, dass wir an einer ganzen Reihe von Klavierdeckeln festhalten, wenn wir so viele zufällige Einrichtungen von gestern übernehmen und meinen, sie seien die einzigen Mittel, um gegebene Probleme zu lösen. […] Weil unsere spontane Initiative von frühester Kindheit an frustriert worden ist […], bringen wir es im allgemeinen nicht fertig, unserem Potential entsprechend zu denken. Es fällt uns leichter, in dieser Gesellschaft an unseren kurzsichtigen Vorstellungen und engen Spezialisierungen festzuhalten und es den anderen – in erster Linie den Politikern – zu überlassen, einen Weg aus den gemeinschaftlichen Dilemmas zu finden.

Richard Buckminster Fuller: Komprehensive Neigungen. In: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften. S. 10 f.

Wenn einer glaubt, das, was er selbst

erlebt hat, vergessen zu können, liegt

er falsch. Denn er ist Teil seiner Ge-

schichte. Das wäre fast so, als würde er

ein Buch in der Mitte zu lesen begin-

nen und glauben, er könne den

Schluss trotzdem verstehen. Er müsste

sich schon selbst vergessen, um nicht

mehr Teil seiner Geschichte zu sein.

Wichtig ist einzig und allein, dass sie

fertig wird. Welchen Sinn hätte es für

sie sonst gehabt, erzählt zu werden?

Zu Kafkas Gibs auf!

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Die Schwierigkeit, selbst den Weg zu finden, und die Unmöglichkeit, ihn sich einfach von einem anderen weisen zu lassen;

Er ist sich anfangs sicher, an sein Ziel zu gelangen; auch nimmt er die Welt um sich herum als einen geradezu idyllischen Ort wahr. Erschüttert wird seine Selbstsicherheit erst, als er seine private Uhr mit einer öffentlichen Turmuhr vergleicht und feststellt, dass seine Zeit nicht mit der der anderen übereinstimmt.

Es ist ein psychischer Zustand: nicht von Angst oder Schrecken ist die Rede, der ihn „im Weg unsicher werden“ lässt und ihn – vergeblich – dazu treibt, den Rat eines anderen zu suchen.   Wer nicht darauf verzichtet, bei seiner Suche nach dem Lebensweg sofort die Hilfe Fremder in Anspruch zu nehmen, muss die Hoffnung aufgeben, diesen Weg jemals zu entdecken.